Für mich war immer ganz klar: ich möchte nicht so werden wie meine Eltern. Nichts gegen meine Eltern, aber sie haben Eigenheiten, die entsetzlich nerven. Abgesehen davon, bin ich einfach ganz anders. Ein eigenständiger Mensch. Und ich werde alles ganz anders machen.

Also habe ich mir geschworen: nie werde ich Fensterpolster verwenden, daheim die Jeans aus- und eine Jogginghose anziehen, der gleichen Person ein- und dieselbe Geschichte mehrmals erzählen, die Brösel vom Frühstück am Tisch zusammenwischen bis sie ein Dreieck ergeben.

Als es in meiner Altbauwohnung mit alten, durchlässigen Fenstern wirklich kalt war, waren Fensterpolster allerdings die beste Option. Sobald ich heimkomme, wechsle ich Jeans gegen Jogginghose, weil es einfach viel bequemer ist. Ich erzähle oft einer Person die gleiche Geschichte mehr als einmal, weil ich mir nicht immer merken kann, wem ich was erzählt habe. Und ja, ich wische die Brösel am Tisch manchmal zusammen bis sie ein Häufchen ergeben. Ein Häufchen! Kein Dreieck.

Aber, und das ist irgendwie beruhigend, ich bin ja nicht die Einzige. Erst kürzlich konnte ich eine Diskussion auf Facebook verfolgen, bei der jemand meinte, die jungen Menschen würden doch tatsächlich glauben, bei einem Lied einer derzeit recht bekannten Gruppe handle es sich um einen Hit. Man habe ihm gesagt, das verstehe er nicht. Anstatt sich mit dieser Reaktion zufrieden zu geben, wollte der User lieber das Lied weiter kritisieren: der Text wäre schwachsinnig, reimen sei ja nicht so schwer, und überhaupt sei das Lied deppert.

Die Reaktionen auf dieses Posting waren zunächst verständnisvoll und unterstützend: ja, das sei wirklich voll deppert, denn der Name der Gruppe stamme vom Buchtitel eines berühmten deutschen Schriftstellers und da müsse man sich doch fragen, warum sich scheinbar Schwachbrüstige anmaßen müssten, einen Begriff zu nehmen, der ein Synonym für allerhöchste Sprachkunst sei. Ein anderer meinte, es sei eben bezeichnend für die Zeit, etwas Bekanntes zu nehmen als sich anzustrengen und etwas Neues zu kreieren. Naja, meinte jemand, man könne wohl davon ausgehen, dass das Zielpublikum dieser Gruppe eher was mit JK Rowling anfangen könnte. Ein anderer meinte hämisch: Vermutlich auch mit Fix & Foxi.

Klingelt’s schon?

Bei manchen Nutzern hat’s geklingelt. So fragte ein Leser, ob man als „Erwachsener“ wirklich alles verstehen müsse. Ein anderer meinte, er verstehe jetzt besser, was seine Eltern damals nicht verstanden haben. Es folgten Erinnerungen an eine Zeit, in der man begeistert „da, da, da“ von Trio gehört habe, und die Eltern hätten dabei nur den Kopf schütteln können.

Und dann meinte jemand, es sei ihr immer peinlich gewesen, wenn ihre Mutter jeden hilfsbereit angequatscht habe. Dabei würde sich die Mutter heute freuen, wenn sie Jahre später sehen würde, wie ihr Kind es nun genauso halte wie sie damals.

So sehr wir uns also wehren: irgendwann sind wir so wie unsere Eltern. Zumindest ein bisschen. Warum? Weil wir als Kinder zu ihnen aufgeschaut haben. Weil wir später vielleicht festgestellt haben, dass sie doch nicht so schlimm sind, wie wir als Pubertierende gedacht haben. Weil wir ein Teil von ihnen sind.

Dennoch fände ich es begrüßenswert, nicht blindlings den Gewohnheiten unserer Eltern zu folgen. Manchmal wäre es durchaus angebracht, still und heimlich den Kopf zu schütteln und zu schmunzeln. Man muss nicht alles kommentieren und diskutieren und es ist absolut nicht respektvoll oder wertschätzend, die Jugend von oben herab zu betrachten, weil man nun ja erwachsen ist, oder sie gar ins Lächerliche zu ziehen und für absolut hohl und oberflächlich zu erklären.

Sie sind nicht anders als wir es waren vor 20, 30 oder 40 Jahren. Und irgendwann, da werden sie so sein wie wir.

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