Superwoman

Du bist eine Frau.

Du kannst Multitasking.

Du bist eine tolle Hausfrau, von deinem Boden kann man essen, deine Kinder sind wohlerzogen – du hast doch Kinder, oder? – deine Frisur ist immer gepflegt, du bist immer gut gestylt, und dass du im Beruf deinen Mann stehst, versteht sich von selbst.

Du bist eine Superwoman.

Oder?

Real life

Du bist eine Frau. Du hast, wie jeder andere Mensch, 24 Stunden pro Tag.

Von denen schläfst du sechs, obwohl dir acht mehr guttun würden.

Wenn man dich überraschend besucht, dann ist man versucht, eine Abgängigkeitsanzeige für den Boden in deiner Wohnung aufzugeben. Auf deinem Sofa, an dem sich ein brüllendes Kind gerade die Schokoladenfinger abwischt, türmen sich ungebügelte Kleidungsstücke. Deine Füße sehen manchmal aus, als hättest du eine Wüstenwanderung hinter dir – barfuß! Und deine Haare sehen aus, als ob die Vogelfamilie, die sich dort ein Nest gebaut hat, gerade ausgeflogen sei.

Deine Jeans haben eindeutig bessere Zeiten gesehen, vielleicht auch solche, in denen sie geringerem Druck von innen ausgesetzt waren.

Und weißt du was? Das ist okay!

Aus Lisas life

Okay, ich arbeite wirklich viel. Aber nicht, weil sich das so gehört, sondern weil ich will. Ich habe mich dafür entschieden.

Was dabei auf der Strecke bleibt, weiß jeder, der mich näher kennt: Unseren Fußboden kennen wir nur vom Hörensagen, meist ist er speziell im Arbeitszimmer von einer dicken Schicht Bücher, Papiere, Skripten und anderem bedeckt. Während mein holdes Weib gerne ihre Sachen als Türmchen stapelt – Wurstbrote, Wäsche, Papier und leeres Geschirr – halte ich Ordnung. Und hänge alle meine Sportsachen über das Fahrrad, das mitten im Wohnzimmer steht. Mit einem Platten. Meine Fußpflegerin ist per „Sie“ mit mir, weil sie mich so selten sieht und für meine liebe Friseurin Julia bin ich eine urbane Legende: Sie besuche ich einmal im Jahr. Öfter geht nicht.

Fitness ist gut, aber oft aus. Manchmal klappt es, dann wieder nicht. Und alles andere ist ebenso unperfekt, von den Fältchen um die Augen, über die größeren Fältchen um den Bauch bis hin zur Vogelnestfrisur.

Und ja, auch ich lese oft Sachen in Social Media und denke mir, die oder der hat es geschafft und ich bin ein Loser. Auch ich zweifle an mir. Und manchmal fühle ich mich wie eine Hochstaplerin.

Aber weißt du was? Auch das ist okay!

Vielleicht machen uns kleine Zweifel sogar menschlich. So lange sie nicht überhandnehmen.

Trügerische Ideale

Wir alle versuchen, einem Ideal zu folgen. Dem Ideal von Instagram, dem Ideal von Heldinnen unserer Kindheit. Unabhängige starke Frauen. Und es ist gut, dass wir Ideale in uns tragen.

Die Frage, die sich stellt, lautet nur: Warum wollen wir in jedem Punkt stark sein, und warum können wir Schwächen oder Makel so schwer ertragen?

Leider sind unsere Geschlechtsgenossinnen nicht immer eine große Hilfe. Denn, um die eigenen Schwächen zu kaschieren, ziehen wir immer noch fröhlich über andere her.

Mittlerweile natürlich liebevoller.
„Ich mein’s nicht bös, aber die Dings hat schon wieder ganz schön zugenommen, oder?“

„Ich mach mir Sorgen um die Sochn. Jetzt sehe ich sie schon zum zweiten Mal mit einer fleckigen Hose!“

Miteinander statt übereinander

Es wäre ein super erster Schritt, wenn wir miteinander reden würden anstatt übereinander. Verständnis füreinander aufbringen anstatt uns zu freuen, dass die Sowieso noch mehr verschissen hat als wir.

Und vielleicht können wir uns sogar gegenseitig helfen. Gemeinschaften gründen. Viele Dinge können im Kollektiv besser organisiert und umgesetzt werden als von jeder allein.

(c) L’Ase

(c) L’Ase

Berühmte letzte Gedanken

Doch vor allem: Machen wir uns nichts vor: Auf unserem Sterbebett (sofern wir das Glück haben, eines zu besitzen, irgendwann in ferner Zukunft) werden wir sicher nicht bedauern, dass wir zu wenig geputzt haben, unsere Nägel nicht oft genug gefeilt haben oder das gleiche Kleid zu drei verschiedenen Anlässen getragen haben. Wir werden bedauern, uns vor den Blicken und Meinungen anderer gefürchtet zu haben. Dass wir Fenster geputzt haben anstatt den perfekten Sonnenuntergang zu bewundern. Dass wir uns auf einer Feier nicht wohlgefühlt haben, nur, weil wir uns fett vorgekommen sind oder dass wir anstatt mit unseren Kindern / Liebsten / Haustieren einen liebevoll-faulen Abend auf der Couch zu verbringen, unbedingt noch diese eine Akte bearbeiten oder die Küche putzen wollten.

Ich sage es ungern, aber das Leben ist endlich. Unseres und das unserer Lieben. Wir wissen nie, wie viel Zeit wir noch füreinander haben. Und wir wissen nie, wie viel Zeit wir noch mit dem Menschen haben, den wir hoffentlich am meisten lieben. Uns selbst, nämlich.

Wann lebst du?

Das ist kein Plädoyer dafür, sich gehen zu lassen, grindig zu werden und mit der Dusche nur noch eine Fernbeziehung zu führen. Eine gewisse Menge Hygiene ist nicht schlecht.

Doch, wenn du deine Tage nur noch damit verbringst, die ideale Frau zu sein – wann lebst du dann?

Daher: Pfeif einfach manchmal drauf. Und miste aus. Musst du wirklich alles perfekt sein? Muss deine Wohnung blitzen und blinken? Kannst du dich auch in einem kleinen Saustall wohlfühlen, ohne dass du dich deswegen zerfleischst? Kannst du damit leben, dass deine Frisur manchmal eher Fossy Bär ist als Marilyn? Dass dein Bauch eher Waschbär als Waschbrett ist? Kannst du dich selbst nicht trotzdem, sondern einfach „nur so“ lieben?

Versuch es. Schritt für Schritt. Nicht, indem du dich vor dem Spiegel postierst und Affirmationen von dir gibst. Das klappt nicht, dein Unterbewusstsein ist nicht blöd und merkt, ob du es ehrlich meinst oder nicht. Sondern, indem du in dich hineinhörst, auf ein kleines Stimmchen in deinem Inneren, das genau weiß, wie großartig du wirklich bist.

In deinem Du-Sein, deinem Chaos, deiner Genialität, deinem Körper, der schon einiges erlebt hat und die Male davon trägt, mit deinem ausgewaschenen Shirt, deinen ungeputzten Schuhen, deinen brüllenden oder schmollenden Kindern. Oder ohne. wenn du dich dagegen entschieden hast oder das Leben es anders wollte.

Und wenn du dir auf der Zunge zergehen lässt, was du Tag für Tag auf die Reihe bringst, dann wird dir eines bewusst: DU BIST SUPERWOMAN!

Ich wünsche dir einen wundervollen Tag, genieße ihn und scheiß auf den Abwasch!

Lisa, die sich jetzt in die Hängematte legt