Eine kleine Geschichte von Pippi und Peppi

two schoolgirls

Es waren einmal zwei kleine Mädchen, nennen wir sie Pippi und Peppi.

Beide wuchsen in halbwegs intakten Familien auf, hatten jeweils ein Geschwisterchen und waren relativ brav. Sie besuchten gemeinsam die Volksschule, danach das Gymnasium und traten gemeinsam zur Matura an. Beide bestanden mit gutem Erfolg.

woman tattoo

Pippi ging danach in eine andere Stadt, begann eine Ausbildung und fand einen Job. Doch bald kam sie drauf, dass der Job ihr keinen Spaß machte. Also suchte sie sich etwas anderes. Sie lebte ein Jahr lang in einer WG, um sich neben dem neuen Job eine Ausbildung leisten zu können. Ihr Freund, den sie eigentlich heiraten wollte, war mit ihren Entscheidungen nicht glücklich und letztendlich ging die Beziehung zu Bruche. Übermäßig unglücklich war sie nicht deswegen, denn ihr war schon früh klar, dass sie kein klassisches Familienleben wollte.

Stattdessen nahm sie sich nun die Freiheit, unkonventionell zu leben. Ihre Familie schlug ohnehin schon die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ihr Name genannt wurde. Unterstützt wurde sie dennoch, auch wenn keiner verstand, was in das Kind gefahren war.

Das „Kind“ machte so weiter. Es wechselte die Jobs und die Partner, erfand sich immer wieder neu und wenn etwas nicht funktionierte, dann machte es etwas anderes.

Auch, als sie schon älter wurde, lebte sie so weiter. Sie begann mit über 40 zum wiederholten Mal eine komplett neue Karriere, und machte so manches, das in einer seriösen Biografie keinen Platz hat. Manchmal war sie ganz oben, dann wieder ganz unten. Finanziell wie auch mental. Die Freiheit hatte ihren Preis, doch den zahlte sie gerne.

family

Peppi hingegen führte ein Bilderbuchleben.

Sie heiratete ihre Jugendliebe, machte Karriere in einer Bank und hatte schon mit 25 ein schönes Haus und zwei Kinder. Ihr Mann war erfolgreicher Versicherungsmakler. Sie hatten zwei Autos, eine Bausparvertrag und natürlich einige Fonds und Anlagen. Ob sie glücklich war, hinterfragte sie nie – sie hatte ja alles, was das Herz begehrt, samt einer Bilderbuchehe und ausreichend Geld.

Und dann ….

… kam die Krise.

Die Menschen wurden von der Regierung gebeten, zu Hause zu bleiben, Masken zu tragen und sich die Hände zu waschen.

stay home
böse frau

„Eine enorme Einschränkung der persönlichen Freiheit!“, dachte Peppi und regte sich furchtbar darüber auf. Man konnte ihre empörten Postings quer durch alle Social-Media-Kanäle finden, besonders dort, wo sie sich privat aufhielt.

„Ich lasse mir meine Freiheit nicht nehmen!“, tönte sie lautstark und: „Maulkorb!“

Sie wurde in Kurzarbeit geschickt, und nun fühlte sie sich eingesperrt, war todunglücklich, dass sie nun mit den zwei Kindern, für die sie nie wirklich viel Zeit gehabt hatte, zu Hause saß, und fühlte sich restlos überfordert. „Das ist doch nicht mein Job, die Kinder zu erziehen und zu unterrichten!“, ärgerte sie sich.

Und während ihre kleinen Mädchen allein im großen Garten spielten, zog sie sich schmollend in ihr Zimmer zurück und hämmerte böse Sprüche in ihren Computer, durchsuchte YouTube nach anderen, die ihrer Meinung waren und verbreitete hemmungslos Verschwörungstheorien.

Nicht, weil sie so davon überzeugt war, sondern, weil sie einfach nicht glauben wollte, was da gerade geschah. So etwas war noch nie geschehen, das konnte nicht sein! Da musste mehr dahinterstecken! Ein Komplott, eine fehlgeschlagene Genmanipulation!

„Sie wollen uns das Bargeld wegnehmen! Und uns dazu zwingen, dass wir uns impfen lassen! Und dann noch diese App! Diktatur!“ Dieses Posting machte sie übrigens, nachdem sie laufen gegangen war – mit ihrer Fitness App, denn schließlich wollte sie ja wissen, wie lange sie unterwegs war und wie viele Kalorien sie verbraucht hatte!

stayhome

Pippi erwischte das Virus kalt. Sie war mitten in den Vorbereitungen für ein neues großes Projekt und es zog ihr kurz den Boden unter den Füßen weg. Ein großes Sicherheitsnetz hatte sie nicht – lange Zeit hatte sie von der Hand in den Mund gelebt, und nun war sie mit ihren über 50 gerade dabei gewesen, sich erstmals so etwas wie Reserven anzuschaffen.

„Auf der anderen Seite“, dachte sie. „habe ich in der letzten Zeit so viel gearbeitet, dass mir die Pause guttun wird. Ich schaue einfach, was ich ändern kann, damit ich weiterhin über die Runden komme!“

Sie schrieb einen täglichen Corona-Blog, um anderen Mut zu machen, half beim Aufbau einer Online-Plattform und ging für die Nachbarinnen einkaufen. „Die hat es härter erwischt als mich“, dachte sie ein ums andere Mal. „Die dürfen nicht einmal das Haus verlassen, weil sie zur Risikogruppe gehören!“

Auch sie war oft in den Social Media unterwegs und immer wieder verblüfft über die Wut von Peppi, die sie als sehr lieben, reflektierten Menschen kennen und schätzen gelernt hatte. Sie verstand nicht, welche Freiheit die andere meinte. Sie fühlte sich in ihrer Freiheit nicht oder nur wenig eingeschränkt, weil sie das Gefühl hatte, dass sie sich für die Gemeinschaft zurücknahm.

„Ich war mein ganzes Leben lang frei!“, dachte sie. „Und diese Freiheit kann mir keiner nehmen. Freiheit, die verschwindet, nur, weil man eine Maske tragen muss, das ist keine Freiheit, sondern Illusion!“

Viele Menschen tragen ihr Leben lang eine Maske.

Keine Atemschutzmaske, sondern eine, die ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Luft nimmt. Sie merken es aber erst dann, wenn sie wirklich eine Maske aufsetzen sollen ….