Giglio Porto

Es ist also mal wieder so weit: ich fahre zum Seminar „Kontakt und Kommunikation – die Säulen des Miteinanders“ nach Giglio, zum dritten Mal seit 2014. Für die, die Giglio nicht kennen: Giglio ist eine sehr kleine, italienische Insel vor der Toskana, die leider vor allem deswegen bekannt wurde, weil die Fähre Costa Concordia dort auf Grund lief.

Aber Giglio ist so viel mehr als das. Ich werde euch jetzt natürlich nicht sagen, dass ihr was verpasst habt, wenn ihr die Insel nicht kennt. Denn einer der Gründe, warum die Insel – zumindest für mich – so besonders ist, ist eben die Tatsache, dass sie bisher vom Massentourismus verschont wurde. Stattdessen besticht sie mit einer malerischen Landschaft, ruhigen und beruhigenden Plätzen (also genau das, was man als Städter hin und wieder braucht) und dem Charme der Vergangenheit. Immer, wenn ich – noch auf der Fähre stehend – Giglio Porto sehe, fühle ich mich an das Italien der 50er oder 60er Jahre erinnert, wie ich es aus Filmen kenne.

Giglio Porto

Giglio Porto

Und normalerweise beginnt meine Entspannung genau da: auf der Fähre, den Blick auf Giglio gerichtet. Dieses Mal ist es jedoch anders. Ich habe noch einen Übersetzungsauftrag mit Änderungswünschen seitens des Kunden, der auf mich wartet und ich warte darauf, dass ich endlich im Hotel bin und WLAN habe, damit ich das erledigen kann. Als wir ins Hotel kommen, wartet aber eine Überraschung auf mich – leider eine der weniger erfreulichen Sorte. Ich soll, obwohl ich ein Doppelzimmer alleine gebucht habe (Doppelzimmer deswegen, weil die Zimmer wirklich winzig sind), mein Zimmer mit H. teilen. Ich mag H. wirklich sehr, sehr gerne und wenn ich mit jemandem ein Zimmer teilen würde, dann mit ihr. Aber: beim Seminar brauche ich meine Ruhe, meine Einsamkeit, Platz und Raum für mich alleine.

Nach einigem Hin und Her bekomme ich ein sündhaft teures Superior Zimmer mit eigener Terrasse und Luxusbad (ich sag nur: Rainshower!) für mich alleine. Ich werde zwar bei der Bezahlung schlucken, aber nach dem Seminar feststellen, dass es nicht besser hätte kommen können.

Blick aus dem Zimmer

Blick aus dem Zimmer

Das Zimmer ist wirklich toll und auch die Änderung der Übersetzung erfolgt schnell und unkompliziert, sodass ich mich früher als gedacht zu meinen zwei Reisegenossinnen an die Bar am Strand gesellen kann. Eigentlich also alles gut, und trotzdem koche ich innerlich. Da hat jemand mal wieder über meinen Kopf hinweg entschieden. Können mich doch nicht einfach in ein Zimmer zu zweit stecken ohne mich zu fragen!

Ich merke: das fängt ja schon gut an. Normalerweise bin ich zu diesem Zeitpunkt schon entspannt und freue mich auf das Seminar, jetzt aber bin ich nur grantig und immer noch gestresst. Wenn auch zufrieden, dass ich mich zur Wehr gesetzt habe und das auch noch erfolgreich, obgleich teuer. Immerhin ist eines meiner Themen im Moment ja meine Grenzen zu erkennen und sie zu verteidigen.

Abends, alleine auf meiner Luxus-Terrasse und in meiner Luxus-Dusche, stelle ich fest, dass mein Widerstand gegen das Seminar sehr groß ist. Normalerweise habe ich den Widerstand vor der Abreise zum Seminar, aber irgendwie hatte ich dieses Mal davor keine Zeit dafür und durch die eingangs erwähnten Umstände habe ich noch immer nicht zu meiner erhofften Entspannung gefunden.

Und wie Widerstände so sind, arbeiten sie eifrig im Hintergrund, selbst wenn man weiß, dass man sie hat. Daher tu ich nicht viel beim Seminar und in Folge tut sich auch bei mir nicht viel. Weder im Kontakt mit anderen noch im Kontakt mit mir selbst. Ich fühle mich, als wär ich dem Ganzen entwachsen und beobachte die anderen sehr genau. Und natürlich finde ich ihre Fehler oder die Momente, in denen sie vielleicht nicht ganz authentisch sind. Und so nebenbei achte ich darauf, dass man mir mein Desinteresse nicht anmerkt; erstens kann ich das gut verstecken, ich bin ja gerissen, und zweitens fällt’s in der Menge an Leuten doch eh nicht auf.

Aber so toll ist das dann doch nicht. Ich bin genervt, was auf Giglio sonst nie der Fall ist. Auch deswegen, weil manche denken, ich wäre ein wandelndes Deutsch-Italienisch-Wörterbuch, nur weil ich (vor Ewigkeiten!) mal Italienisch studiert habe. Es ist mir alles zu laut und zu viel und überhaupt. Ich fühle mich komisch und fehl am Platz.

Bis der Seminarleiter mich vollkommen unerwartet (für mich, für ihn vermutlich weniger) darauf anspricht und mir sehr klar und direkt sagt, dass es nichts bringt, wenn ich mich nicht einbringe und auch sonst das ganze Jahr nichts tue. Autsch. Das hat weh getan. Weil er recht hat. Und innerhalb weniger Sekunden bröckelt mein Widerstand und zerbricht vor meinen Augen, ohne dass ich etwas daran ändern kann.

Und ich merke, dass es tief geht – nicht nur, was der Seminarleiter sagt, sondern auch die Erkenntnis, dass er recht hat. Der Tag ist gelaufen. Ich fühle mich wie in alle Einzelteile zerlegt und weiß nicht, wie ich das – mich – wieder zusammenbauen soll. Ich bin wütend (warum sagt er das grad mir, da sitzen doch genug andere, die auch nichts tun), ich heule und irgendwann lache ich.

Wieder mal hat er mich erwischt. Wieder mal hat er mich durchschaut. Und plötzlich weiß ich wieder, wieso ich hier bin, beim Seminar, auf Giglio. Kontakt mit anderen ist nur möglich, wenn man zu sich selbst Kontakt hat. Und der kommt mir leider immer wieder vorhanden im Alltag und im Stress. Aber hier, auf Giglio, da ist er wieder, der Kontakt zu mir. Ich spüre mich viel intensiver als sonst, weil ich hier nichts anderes zu tun habe, als mich um mich selbst zu kümmern. Ich muss es nur zulassen.

Frühstück

Frühstück am Meer

Die restlichen Tage sind ein Erfolg. Sogar mehr als sonst. Es ist ja leicht, an der Oberfläche zu kratzen und Kleinigkeiten zu ändern. Aber wenn’s dann in die Tiefe geht, wird’s schwer. Erstens, weil man wirklich viel dafür tun muss und zweitens, weil’s weh tut.

Zurück in Wien merke ich wieder, wie schwierig es ist, dieses Hochgefühl im Alltag aufrecht zu erhalten. Ich habe aber die Worte des Seminarleiters nicht vergessen und werde mich mehr bemühen, mein Leben nicht nur auf meinen Kopf, auf Arbeit und auf Stress auszurichten.

Trotzdem, das weiß ich jetzt schon, bin ich nächstes Jahr um diese Zeit sicher wieder reif für die Insel. Und ich freu mich drauf.