Einen Scheiß musst du! Warum „anders“ nicht unbedingt „schlechter“ ist

Ich liebe es, meine Spiegeleier rundherum auszuschneiden, bis nur mehr das weiche Eigelb übrig bleibt.
Und mir dieses dann als Ganzes in den Mund zu stopfen.
Damit nichts verloren geht.
Das habe ich schon als Kind so gemacht; mein Papa lacht immer, wenn er mir alle heiligen Zeiten erzählt, wie ich da gesessen bin, kaum auf den Tisch gesehen habe und mein Ei filetiert habe.
Seit einem Jahr mache ich es aber anders.
Als Testlauf, sozusagen.
Ich verschmiere das Eigelb nun über das ganze Weiße und zerschneide dann alles.
Mal sehen, ob es so bleibt oder ob ich zum alten System zurückkehre.
Vielleicht fällt mir aber auch noch eine dritte Möglichkeit ein, eine vierte, fünfte, sechste… um das Ei zu vernichten.

Ähnliches gilt für Gurken.
In meiner Jugend habe ich sie geliebt.
Mariniert als Gurkensalat, grob zerschnitten im Griechischen Salat – den es damals nur im Urlaub gegeben hat, in Griechenland nämlich – oder im Ganzen, zum Abbeißen.
Danach kam die Gurken-Hassphase.
Eine Gurke durfte mein Essen in keiner wie auch immer gearteten Form berühren, weil alles, das eine Gurke berührt, nach Gurke schmeckt. Igitt!
… bis vor einem halben Jahr.
Jetzt esse ich sie wieder, ich kaufe sie sogar, und sie dürfen manchmal mein Essen berühren, aber nicht jedes.
Und sie dürfen auf keinen Fall mariniert sein. Schon gar nicht mit Knoblauch.

»Wie soll ich heute wissen, wie ich morgen meinen Kaffee mag?«

»Gewohnheiten formen einen Menschen«, sagt man.
Aber ist es wirklich ein Verdienst, eine Leistung, sein ganzes Leben lang die gleichen Gewohnheiten zu haben, etwas zu tun, nur weil man es immer schon so gemacht hat?

Wie soll ich heute wissen, wie ich morgen meinen Kaffee mag?
Begonnen hat es mit Milchkaffee und viel Zucker, damals in den Achtziger Jahren.
Kaffee war en vogue, sozusagen. Wir haben unsere Pausen in der Cafeteria der Technischen Lehranstalt verbracht, die ich damals besucht habe.
Und sind uns furchtbar wichtig vorgekommen, mit unseren Pappbechern.
Danach kam meine „ich trink ihn nur schwarz“-Phase, die wiederum abgelöst wurde von exzessivem Genuss von Cappuccino im Italien-Urlaub.
Dann der kleine Schwarze.
Und jetzt?
Back to the roots, Milchkaffee ist wieder angesagt, diesmal auf schick als Latte Macchiato.

Ist es nicht wurscht?

Ein Mensch definiert sich über seine Gewohnheiten.
Aber ein Mensch kann sich auch darüber definieren, dass er keine Gewohnheiten hat.
Oder sie wechselt.
Und ist deswegen kein Wendehals.
Sondern einfach jemand, der mit sich selbst, mit seinem Inneren, so in Verbindung steht, dass er spürt, wenn sich etwas ändert.
Oder ändern sollte.

Das gilt auch fürs Berufliche.

Jahrzehntelang im selben Büro zu sitzen, im selben Job, aus Angst etwas zu verändern, das ist kein Leben.
Veränderungen können Angst machen, das ist richtig.
Aber Veränderungen sind auch die Quelle, die uns mit unserer eigenen Lebendigkeit verbindet.

Und eines muss man einmal ganz klar und deutlich sagen:
Es gibt keine Sicherheit.
Es gibt maximal die Illusion einer Sicherheit.
Seien wir doch mal ehrlich: Lebensversicherung?
Wie viele Menschen vertrauen, tief drinnen und abergläubisch, darauf, dass diese Versicherung sie am Leben erhält?

Ich verrate euch ein Geheimnis: so klappt das nicht!

Das einzige, was dein Leben erhält, ist simpel und doch enorm schwierig: einfach zu LEBEN!

Nicht zu existieren, nicht vor Angst zu sterben, nicht dahinzuvegetieren, sondern die Sau raus zu lassen.
Das Leben zu atmen, die eigene Lebendigkeit zu spüren.
Und sich nicht von „Das hab ich immer schon so gemacht“ einengen zu lassen.

Ja, meinst du, das klingt gut – aber wie beginnen?
Ich geb dir einen Tipp: trink deinen Kaffee heute einmal anders. Ganz anders.

In diesem Sinne …
ein lebendiges Leben an diesem besonderen Tag deines Lebens wünscht dir
Lisa …

… und geht sich einen Einspänner genehmigen. Oder Cappuccino. Oder vielleicht doch eine Melange ohne Milch mit Wasser?