Ich fang ein Bild von dir

Ich fang ein Bild von dir
und schließ die Augen zu.
Dann sind die Räume nicht mehr leer.
Lass alles andere einfach ruhen.
Ich fang ein Bild von dir
und dieser eine Augenblick
bleibt mein gedanklicher Besitz.
Den kriegt der Himmel nicht zurück.

Unheilig – An deiner Seite

(c) pexels.com

 

Da habe ich also den Fehler gemacht, „Ottos Schlagerparade“ zu hören. Nicht nur, dass ich bei einigen Liedern sentimental wurde, weil besagter Otto der Mensch ist, mit dem ich fast neun Jahre meines Lebens verbracht habe (und noch immer verbringe, nur eben nicht mehr in einer Partnerschaft, sondern in einer Freundschaft).

Nein, dann musste ich auch noch über „Anita“ von Herrn Cordalis stolpern. Ein Albtraum von einem Lied, für mich. Aber es erinnert mich auch an eine Familienfeier – ich weiß nicht mehr, ob es Weihnachten war oder jemand Geburtstag feierte – bei der wir SingStar gespielt haben. Und mein Papa mitgespielt hat, was eine Seltenheit war. Ein Jahrhunderterlebnis sogar. Und wir diese ganzen schrecklichen alten Schlager gesungen haben. Mit viel Spaß und Einsatz und wenig Können.

An sich ja eine schöne Erinnerung. Und von denen gibt es ohnehin nicht allzu viele in den letzten Jahren, die wir mit meinem Papa hatten. Das muss man auch ehrlich sagen. Vielleicht hat es mich deswegen so berührt. Es ist ja nicht so, dass ich täglich in Tränen ausbreche, weil er nicht mehr da ist. Die Zeit heilt vielleicht nicht alle Wunden, aber sie lässt sie vernarben, manche schneller, manche langsamer, und irgendwann tut die Narbe nicht mehr täglich weh. Nur mehr hin und wieder. Zum Beispiel dann, wenn man „Anita“ hört. Und wieder daran erinnert wird, was man verloren hat. Und dass er fehlt. Täglich. Auch wenn man gerade nicht aktiv an ihn denkt.

Manchmal möchte ich zum Telefon greifen und ihn anrufen, zum Beispiel, wenn ich Fußball schaue. Ich höre ihn dann direkt vor sich hinschimpfen, wie unfähig die doch alle sind. Und mitten in der Bewegung fällt mir ein, dass niemand abheben wird. Oder vielleicht doch, weil seine Nummer längst jemand anderem gehört.

Und ich vermisse, dass jemand „Montschi“ zu mir sagt. So wie er es immer gemacht hat. Oft hat’s mich genervt. Und jetzt könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Ich vermisse, wie er ganz sanft meine Wange gestreichelt hat. Ich vermisse seine Stimme, sein Lachen, die unsäglichen politischen Diskussionen mit ihm. Sein Interesse an so vielen Dingen und sein Wissen, das er immer mit uns geteilt hat, ob wir wollten oder nicht.

Und ich weiß nicht, wieso das gerade jetzt alles rausbricht. Wegen eines dämlichen Liedes. Nicht, dass ich in den letzten viereinhalb Jahren nicht geheult hätte. Oft genug hab ich das getan. Aber ich dachte, das Schlimmste wäre vorbei. Aber vielleicht ist das eine Wunde, die zwar vernarbt, aber doch immer wieder aufbricht. Und dann tut’s scheißweh. Dann legt es sich wieder und die Narbe pocht vor sich hin, ganz unauffällig, bis zum nächsten Mal. Bis es wieder scheißweh tut.

 

 

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