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Oder du schreibst mir — dann bekommst du eins mit persönlicher Widmung.

Oder, wenn du es ganz wild haben willst, dann schau bei einer Lesung vorbei.

Die nächste findet im Herbst 2017 statt, das Datum findest du auf meiner Facebook-Seite, sobald wir es genau wissen. 
Und keine Sorge: Lesung kostet nicht extra!

 

RENDEZVOUS UND PIZZA

 

Ich verabschiede mich etwas überhastet bei Balduin und seinen Freunden. Er schaut mir betroppezt hinterher, als ich, Gideon an meinem Nacken hängend, oder, besser gesagt, mit meinem Nacken wie ein Hase an Gideons Hand hängend, zur Tür trotte.

„Wo steht dein Auto?“ – „Nix Auto, das ist zu Hause geblieben!“

Er wirft mir noch einen scharfen Blick zu. „Hattest du vor… lange zu bleiben?“

Die Art, wie er es ausspricht, lässt keinen Interpretationsspielraum. Er hält mir die Wagentür auf, eisig, und wirft sie hinter mir ins Schloss.

Ich kann gerade noch rechtzeitig die Kopfhörerkabel meines iPod retten, bevor die Tür mit einem Knall ins Schloss fällt.

Schnell stopfe ich die kleinen Stoppeln in mein Dekolleté, damit sie nicht vor meinen Füßen herumhängen, das Festteil habe ich wieder in die Tasche gesteckt.

Gideon sitzt jetzt neben mir, startet wütend den Motor, knirscht mit den Zähnen. Irgendwie tut er mir leid: Eifersucht kann er sich nicht erlauben, schließlich ist er ja selber verheiratet – und dass mit Mrs. Godot nix läuft, kann er seiner Tante Emmi erzählen!

Und über meine Schnüffeleien kann er ebenfalls nicht böse sein – noch nicht!

Er hat ja – noch – keine Ahnung!

Zehn Minuten später presst er seinen Dienstwagen in eine winzige Lücke zwischen zwei Pick-Ups, irgendwo im Nirgendwo.

Er schaut jetzt nicht mehr so grimmig, eher besorgt, streift kurz mit dem Handrücken meine Wange, hilft mir aus dem Auto.

„Komm, wir sind gleich da!“ Mich gruselt’s. Wo zum Geier sind wir?

Gibt es hier noch intelligentes Leben? Zivilisation? Menschen?

Ich sehe nur alte Häuser, deren Putz abbröckelt, aufgeplatzten Asphalt auf Bürgersteigen, aus dessen Rissen Gras wächst, eingeschlagene Fensterscheiben.

Er führt mich durch eine Gasse. Oder was immer das sein soll. Eigentlich mehr eine freie zielgerichtete Fläche zwischen zwei Fast-Abbruchhäusern.

Alter Schwede – ich hoffe, dass er mir nur Angst machen möchte!

Diesen Platz kann es nicht wirklich geben, nicht in meiner Stadt! Nie und nimmer!

Schranken hindern die nicht vorhandenen Autos daran, das grobe Katzenkopfpflaster zu befahren, nur der Gehsteig ist frei zugänglich.

Leuchten gibt es überhaupt keine hier, lediglich der Mond wirft von oben sein bläuliches Licht in diese Jammergegend.

„Keine Straßenbeleuchtung? Aber…“ – „Privatstraße!“, unterbricht er mich knurrend. „Badlands. Niemandsland!“

Sehr beruhigend! Und die E-Werke haben den armen Schluckern wohl auch noch den Strom abgedreht, kein einziges beleuchtetes Fenster zu sehen!

Ich zapple auf meinen hohen Absätzen neben ihm her, klammere mich an seinen Arm. Das kann doch alles gar nicht wahr sein! Was zum…?

Das sehe ich Licht, grün-weiß-rotes Licht. Eine Pizzeria? Hier?

Tatsächlich! „Benitos Pizza&Pasta

Ein bissel grindig, aber mit einem starken Mann (mit einer Polizeimarke) an meiner Seite fürchte ich mich nicht.

Höchstens vor den Kakerlaken, die in solchen Gegenden gerüchteweise so groß wie Schoßhunde werden können.

Als er mir die Tür aufhält, fließt der Rauch aus dem Schankraum wie Honigsirup.

Drinnen ist es fast ebenso düster wie auf der Straße; erst als sich meine Augen an den Dämmerrauch gewöhnt haben, kann ich zwei, drei Gestalten ausmachen, die an der Theke lungern, die Hände besitzergreifend um ihr Bier gelegt, als würden sie jeden Augenblick den gierigen Griff eines unbekannten fiktiven Durstigen erwarten, der es ihnen zu stehlen versucht. Wobei der Durstige sehr verzweifelt sein müsste, wenn er ein Glas, aus dem diese Münder getrunken haben, noch verlockend fände! Am Verdursten, müsste man wohl sagen!

An den Tischen sitzen vereinzelt Leute. Ein Mann fällt mir besonders auf. Seine Augen sind schwarz wie Tollkirschen, seine Frisur hat sich ein bisschen nach hinten verlagert und er hat eine kräftige Statur. Er starrt uns an, wendet den Blick nicht ab von uns. Gruslig!

Gideon knurrt den Kellner, der sich erfrecht, ihn mit seiner labernden Anwesenheit zu belästigen, grimmig an und steuert, mich hinter sich herziehend, auf die Wandverkleidung zu.

Was ist bloß los mit dem Mann? Ich meine, ich weiß ja, dass er starrköpfig ist – aber will er jetzt buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand?

Er will – irgendwie. Ja. Und er kann. Seltsamerweise bewegt sich die Verkleidung, als er darauf zusteuert,die Mäntel und Hüte, die daran hängen, machen die Bewegung naturgemäß mit. Und ich habe das Gefühl, als wäre ich in einem schlechten Film, in einem sehr schlechten Film!

Das Hinterzimmer ist hell, freundlich möbliert und es duftet nach … nach… nach Pizza!

Drei Sitznischen befinden sich hier, alle mit weiß-grün kariertem Baumwollstoff überzogen. Auf den Tischen stehen kleine Blumensträußchen, Servietten mit phantasievoller Faltung warten auf ihren Gebrauch.

Was zum…? „Nichtraucherzone!“, knurrt Gideon aus dem Mundwinkel. „Schädlich für‘s Image, deswegen haben sie’s gut versteckt!“ Ich muss lachen. Er wirft mir einen Blick zu, der ganze Meere einfrieren lassen könnte. Süßer, bitte sei…

Herr Kommissar, wenn er bitten darf, meint er. Man kennt ihn hier!

Ja schon, aber…

„Bitte!“ Okay, gegen „bitte“ komm ich nicht an! Sein Wunsch sei mir Befehl! Ein hagerer Knilch in blütenweißem Hemd und Fliege kommt auf uns zu. „Essen?“ Gideon nickt, hebt zwei Finger. Der Hagere zeigt kurz seine gelben Zähne und zieht lautlos ab. „Was hast du bestellt?“ Hoffnungsvoll. Mein Magen knurrt, die Episode mit Antje hat mich aufs Essen vergessen lassen, und bei Neumeiers Leichenfeier habe ich mich zuerst aus Pietät vom Buffet ferngehalten, dann hatte ich, dank Gideons Entführungsaktion, keine Chance mehr zuzuschlagen – ewig schade um die Leckerbissen!

„Wirst schon sehen – erst erzähl! Der Kellner bringt das Essen erst, wenn ich alles erfahren habe!“

Okay, also wo fang ich an? Wenn ich ihn sehr bös mach, lässt er mich womöglich hier sitzen, am Ende des Nirgendwos, dort wo unschuldigen Mädchen Dinge passieren, die schlimmer sind als der Tod.

Wenn ich es ihm aber nicht erzähle und er kommt drauf – er kommt immer drauf! – tut er mir Schlimmeres an als das, das schlimmer ist als der Tod…

Dilemma, klassischer Fall von Dilemma!

„Machen wir einen Deal!“ – „Was?!?“ Sein Blick trifft mich voll zwischen die Augen.

Scheiße, irgendwie bringt er mich voll aus dem Konzept, wenn er so … streng ist! Ich versuche, mich zu erinnern, wie das in den Fernsehserien immer läuft. Mein Hirn ist weich wie Matsch, aber ich versuch’s trotzdem: kämpfen bis zum bitteren Ende, das ist Samurai-Mentalität!

„Ich werde dir alles erzählen, wirklich alles. Aber du lässt mich hier nicht sitzen! Versprochen?“

Er sieht mich mit großen verwunderten Augen an. Dann versteht er: „Du meinst, ich hätte dich hierhergeschleppt, weil ich dir Angst machen wollte?“

Zum ersten Mal seit Stunden grinst er. „Dummerchen! Die haben hier die beste Pizza zwischen hier und Texas, und wie ich dich kenne, hast du Hunger! Du hast immer Hunger!“

Echt? Ist das so? Hmmm … bin ich so berechenbar? Peinlich! Okay, na dannnnn … pack ich eben aus.

Ich erzähle, ganz von vorne. Mein Besuch im Neumeierhaus, die Agentur, die Neutorgasse, Evelyn/Andrea, meine abendliche Exkursion mit Axel (ohne Details – man muss es auch mit der Wahrheit nicht übertreiben!), Jasmin, Antje … Antje?

Erst als ich fertigerzählt habe, fällt mir auf, dass Antje nichts mit der Aufklärung von Neumeiers Tod zu tun hat – Gideon hat trotzdem wie gebannt zugehört. „Antje, soso …“, höre ich ihn murmeln, während sein Blick sich verschleiert.

„Und du? Was hast du zu erzählen?“ Vielleicht kann ich seine augenblickliche Geistesabwesenheit ausnützen, um an Informationen zu kommen. Irgendwie wirkt er … abgelenkt. „Ich …? Das letzte Mal war mit dir, vorgestern!“, erwidert er, offenbar erstaunt über meine Frage.

Gut zu wissen, aber das war nicht das, was ich eigentlich gefragt habe!

„Ach so!“ Er hat den Anstand, ein bisschen zu erröten. „Nun, den Typen, der die Jasmin ins Haus gelassen haben soll, haben wir nicht gefunden. Keiner hat ihn gesehen. Sie beschreibt ihn als mittelgroß, brünett und stämmig. Mit einem blauen Anzug, was immer das bei ihr heißen mag. Die Frau vom Neumeier hat ein perfektes Alibi, der Sohn ebenso. Geburtstagsfeier bei Freunden, sie haben die Veranstaltung nicht verlassen!“

Schade, finde ich. Die Schlampe des Hauses hätte sich für mich perfekt als Verdächtige geeignet!

„Der Junge, der bei ihm war, war Jasmins Sohn. Das hat er heute selber bestätigt. Er hat behauptet, der Neumeier habe ihm helfen wollen. Helfen, jaja … Und den blonden Jungen haben wir noch nicht identifizieren können. Blond, lockig, um die zwanzig. Sonst wurde zur Tatzeit keiner gesehen im Hausflur, und das, obwohl die Nachbarn sehr … an Informationen interessiert sind!“

In meinem Kopf dreht sich alles. Hunger! Außerdem bin ich ganz fertig, dass Gideon freiwillig seine Informationen mit mir teilt – da ist der Wurm drin, aber welcher?

Das Eintreffen der Pizzen lenkt mich für einige Zeit von meinen Gedankengängen ab. Sie sind wagenradgroß, belegt wie der Orientexpress um Mitternacht – auch genauso knoblauchintensiv – und duften herrlich! Also, sollte jemals ein Parfum mit Pizzaduft auf den Markt kommen, ich wäre die beste Kundin!

Der Kellner bringt mir ungefragt eine Dose Red Bull, eisgekühlt – bin ich hier im Himmel? Sollte ich jemals so reich werden, dass ich mir einen eigenen Bodyguard leisten kann, dann wird das hier mein Stammlokal, aber sicher!

Während ich mampfe, läutet Gideons Handy.

„Ja? Hmmm, ja. Nicht je…  ja! Sicher, später! Ja, kein Prob… ja, nein. Nein!!! Tschau!“

Er nimmt einen dicken Bissen von seiner Pizza. „Bist du sicher, dass du mir alles erzählt hast? Oder hast du wieder das Beste für den Schluss aufgehoben?“

Nö, alles erzählt. Sicher. Glaub schon, oder? Ich krame in meinem Gedächtnis.

„Soeben ist eine gewisse Annika in die Notaufnahme eingeliefert worden – mit bürgerlichem Namen heißt sie Gerhard Hinterholzer. Sagt dir das was?“

Annika, die Vielbeneidete. Sicher – ich hab ihm doch gerade … oder hab ich das ausgelassen?

„Also, nochmal von vorne! Erzähl, was Lory gesagt hat!“

Lory, Lory, immer diese verfickte Lory! Diese … na klar, ich erzähle schon! Aber …

Ich erzähle ihm nochmal von Annikas Reise nach Arabien, von Lees Eifersucht, von …

… bin müde, mir fallen die Buchstaben durcheinander, irgendwie hat mich der Tag geschafft!

Knapp bevor mein Kopf endgültig auf die Reste der Pizza kippt, stupst mich Gideon.

„Komm, Süße, ich bring dich nach Hause – du kannst ja schon fast die Augen nicht mehr offenhalten!“

Ich halt mich fest an ihm und wir stolpern durch den nebeligen Schankraum, durch die dunkle Gasse zurück zum Wagen.

 

Uff – ich bin satt, sexuell ausgepowert, müde, intellektuell im roten Bereich, zufrieden, … aber wie er da so neben mir sitzt und so gut nach Mann duftet, da möchte ich …

Er sieht das Glitzern in meinen Augen: „Vergiss es, Süße – nicht hier und jetzt! Ruf mich an, wenn Antje … in der Arbeit ist! Okay?“

Er küsst mich sanft auf die Nasenspitze und startet den Motor, diesmal sanft und geschmeidig.

Zu Hause, vor meiner Tür, lässt er mich aussteigen, küsst mich nochmal so, dass meine Knie den Dienst einstellen und ist mit einem „Bis morgen!“ weg.

Als das Auto anfährt, zupft es sanft in meiner Tasche, dann stärker. Was zum …?

Scheiße – oh Scheiße! Mein iPod! Jetzt haben sich die Kopfhörer endgültig in der Tür eingeklemmt. Das muss passiert sein, als Gideon seine Hand beim Abschiedskuss in meinen Ausschnitt wandern hat lassen! Blöderweise habe ich das Kabel so um die iPod-Tasche geschlungen, dass es sich bei Zug nicht löst. Weil ich sie immer wieder ausgestöpselt hatte.

Ich reiße das Gerät blitzschnell und reaktionsstark aus meiner Manteltasche, bevor ich einen ungeplanten Sprint einlegen muss und sehe meinem kleinen teuren Spielzeug traurig nach, wie es, im Windschatten von Gideons Dienstwagen die Straße hinunter schlittert.

Dann mache ich mich daran, die Stufen in den zweiten Stock zu erklimmen …