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Die Daten findest du ganz unten im Kalender.
Und keine Sorge: Lesung kostet nicht extra!

 

DONNA: STRIPTEASE

 

Waiter, bring me some water!, dröhnt es durch die Kantine.

Sweet devil’s got my soul!

Meine auch, offenbar, denke ich, während ich mich langsam aus der Bluse schäle.

Vorsicht – ein Spalt im Tisch!

Nicht mit dem Absatz reinkommen!

Es ist dämmrig, aber die 15 Augenpaare, die sich an meinem Körper festgesaugt haben, kann ich allemal erkennen.

Inzwischen bin ich beim BH angekommen.

Kurz runter, wieder rauf.

Ein enttäuschtes »Ooooh!« geht durch die Reihen.

Jungs, das ist ein Strip und kein Wunschkonzert!

Ein bisserl Zeit müsst ihr mir schon lassen!

Die drei Gläser Sekt machen meine Schritte irgendwie … unsicher, aber das ficht die Jungs nicht an. In ihren Uniformen sitzen sie da, schieben sich immer näher an die Tanzfläche
heran …

Tanzfläche!

Ha!

Vier zusammengeschobene Tische sind’s, genau gesagt, auf denen ich meine fragwürdigen Künste darbiete.
36 hab ich werden müssen, um einmal auf einem Tisch zu tanzen!

Und das alles nur, weil …

Ach was, ich fange von vorne an!

Es ist wieder einer dieser lausigen Nachmittage, die auf einen faden Vormittag folgen.

Alles, was man bräuchte, wären, zwei, drei Jobs, um die Miete bezahlen zu können.

Und alles, was man bekommt, ist nix.

Gar nix.

Nicht mal ein Anruf.

Die Hitze treibt die Leute in die Bäder, in die Eiscafés, aber selten ins Bett.

Und wenn, dann ohne Wärmflasche mit Ohren an ihrer Seite.

Eine bezahlte Mietflasche kommt schon gar nicht in Frage.

Kurz gesagt, keine Arbeit für mich.

 

Ich inhaliere gerade den zweiten Eiskaffee, als sich endlich mein Handy zu Wort meldet: Rrrring!

Na, alsdann! Es geht ja – oder?

Ein Blick aufs Display zeigt mir, dass meine Hoffnung eine trügerische sein könnte: Es ist Bärbel; derzeit arbeitslos, seit sie ihre Agentur zugesperrt hat.

Also will sie wohl nur tratschen …

»Halloooo, Süße!«

Nau, da ist eine aber gut aufgelegt oder so.

Oder so.

Sie zwitschert weiter.
»Duhuuu, hast heute Abend schon was vor?«

Also, ich bin ja keine große Psychologin, aber wenn meine bodenständige Bärbel die Tonlage eines kastrierten Spatzen (nein – das ist nicht das gleiche wie ein Kastelruther Spatz!) annimmt, dann stinkt da etwas.

Gewaltig.

Was zum Geier …?

»Also, es ist so: Ich arbeite ja jetzt selber wieder für eine Agentur. Und die brauchen ein Mädel für einen Striptease!«

Mädel??

Strip.

Tease?

Spinnst???

Hey Madame, ich hab 15 Kilo Übergewicht und bin musikalisch wie ein eierlegender Pinguin! Was stellst du dir vor, bitte?

»Du kannst sogar tanzen wie ein schwangerer Pinguin«, meint sie, »solange du dich dabei ausziehst!«

Ach so? Wieso?

Also, bekomme ich die Lage kurz erklärt, die Berufsfeuerwehr von Hinterkreuzberg feiert ihr dreijähriges Bestehen.

Und zur Feier des Tages gibt es eben Strip und …

Und … was?

»Najaaaa, die Jungs sammeln Geld. und nach dem Strip werden zwei Namen aus dem Hut gezogen, die dann … mit dir …«

Hmmm … ich ziere mich noch ein bisserl – bin ja keine Schlampe, oder? –, bevor ich endlich zusage.

Bis Bärbel auflegt, habe ich allerdings schon die Garderobe für diesen denkwürdigen Abend auf einem Haufen zusammengetragen:

String, French Knickers, Strümpfe, meine höchsten High Heels, Bluse, BH, kurzer Rock.

Und weil mir grad der Joe Cocker einfällt, nehme ich einen kleinen runden Hut auch noch aus dem Kleiderschrank.

Drei Stunden später, auf dem Weg nach Hinterkreuzberg:

Eine halbe Stunde fahre ich hinter einem Anhänger mit zwei mobilen Klohäuschen her und überlege, ob das ein Omen ist.

Dann, endlich, an einer Kreuzung, machen die beiden Transpor­teure Stopp – eine Pinkelpause, wenn man schon hat? –, und ich zische vorbei.

Jubel!

Es ist dämmrig, in der Luft hängt der schwere Duft von Akazien, die kleinen Tiere sind schon schlafen gegangen, die ganz Kleinen gehen eine untrennbare Verbindung mit meiner Windschutzscheibe ein.

Und dann sehe ich es, auf der linken Seite.

Ein nagelneuer Schuppen.

»Berufsfeuerwehr Hinterkreuzberg« steht in großen Lettern auf dem Giebel.

Rund ums Tor kringeln sich hunderte Laufmeter Girlanden in allen Regenbogenfarben.

Alles vorbereitet fürs Fest.

Das im übrigen morgen stattfindet, ohne mich.

Ich bin nur die Vorgruppe, sozusagen.

Also kein Grillhuhn, keinen Erdäpfelsalat[1], keine Krüge mit Bier.

Nur 15 frisch geduschte Männer zwischen 20 und 45, in schicken Uniformen und mit einem leichten Spitz[2]

Zur Begrüßung bekomme ich ein Glaserl Sekt in die Hand gedrückt.

Das ist auch so was von notwendig, weil: jetzt werde ich doch nervös!

Ich meine, ob ich mit meinem eklatanten penetranten lupenreinen Dilettantismus jemanden überzeugen kann, weiß ich nicht!

Andererseits: was wissen die Kerle da schon von einem Strip?

 

Der Rudelführer heißt Heinz.

Groß, stark, bärtig. Gut trainiert.

Die anderen sind in allen Farben sortiert: rot, schwarz, blond, beige, grau, braun, glatzert.

Nett anzusehen! Da bleibt mir nur zu sagen: Ob blond, ob braun, ob Henna, ich liebe alle Männer! Die sind wirklich sehr lieb.

Sie nehmen mich gleich in die Mitte und geben mir das Gefühl, dazuzugehören.

Auf eine unaufdringliche Gentleman-Art, die man sich hier, hinter den sieben Bergen, gar nicht erwartet hätte.

Noch ein Glas Sekt.

Mir wird wohlig warm im Bauch.

Ach, so schlimm wird es sicher nicht mit dem Tanzen!

Da hinten steht der Hut, aus dem dann die beiden gezogen werden, die mit mir …

Hoffentlich erwischt es den Burli, der da neben mir steht!

Der ist besonders süß!

Und der Glutäugige da hinten, der hätte es mir auch angetan.

Also wenn ich die Dorfschlampe wäre, wüsste ich schon, wo ich anfinge …

 

Und dann ist es soweit.

»Bist du soweit?«

Nein – aber darauf warten wir besser nicht, sonst kommen noch eure Urenkel auf die Welt, bevor es hier losgeht!

Ich kippe mein drittes Glas und steige vorsichtig auf einen Sessel.

Der Burli stützt mich.

Hmmm, weiche Hände hat er auch noch, nur ein bisserl schwitzig!

Und dann stehe ich oben.

15 Augenpaare sind auf mich gerichtet, die Tische schwanken ein wenig, und Melissa Etheridge dröhnt aus den Lautsprechern der kleinen Soundmachine.

 

Die ersten Schritte wackelig, unsicher.

Dann bahnt sich mein angeborener Exhibitionismus seinen Weg.

Die Hüften hoppeln ganz von selber auf und ab (vielleicht wogt auch nur das Fett, was weiß ich?), die Jungs hängen wie gebannt an meinen …

… nein, nicht Lippen – eher Titten.

 

… und inzwischen bin ich eben beim BH angekommen.

Ein letztes Herumwirbeln, das Einknicken meiner Knie kombiniere ich elegant mit einem gewollt aussehenden Stolpern (oder kommt es mir nur mit meinem Alkoholpegel gekonnt vor?) und lasse meinen Vorbau einen knappen halben Meter vor den Nasen der Jungs herum baumeln.

Ich hab ja meine Brille nicht auf, aber ich bilde mir ein, das ist Sabber in ihren Mundwinkeln!

 

Der eine oder andere hat die Hand unter dem Tisch.

Hei – das ist aber schon mein Job!

Dann noch einmal auf den Rücken, die Beine dehnen, dass sie wenigstens einigermaßen endlos aussehen, und aus.

Eine Hand streckt sich mir entgegen.

Hilft mir auf.

Dann: donnernder Applaus.

Na ja, hätt ich gerne!

Aber die paar Hanseln[3] tun ihr Möglichstes, eine üppige Sound­kulisse zusammen zu klatschen.

Danke, Jungs! Danke!

Ich hüpfe geziert und beinahe gazellengleich (oder was war das für ein graues Tier mit dem langen Horn auf der Nase?) von den Tischen und stakse zum Hut.

Dem mit den Namen darin.

Augen zu und rein greifen.

Ein Zetterl rausziehen.

»Bernhard!«, liest der Rudelführer vor.

Ein kleiner, sehniger Kerl vollführt einen Freudentanz.

»Jejejeeeeah!«

Nanu? So viel ungetrübte Begeisterung wirkt ja fast ansteckend!

Der zweite Zettel.

»Hansi!«

Der süße Burli strahlt.

Na bitte – wer behauptet denn, dass Wünsche nicht in Erfüllung gehen?

Geht ja eh!

 

Sodala, und wohin jetzt?

In die Mannschaftsräume, erklärt mir der Burli.

Cool – frisch überzogene Betten, irgendwie … militärisch, das Ganze!

Hat was, eindeutig!

Die Jungs lassen die Klamotten fallen, schneller, als die Polizei   erlaubt.

Ich brauch ja nimmer … Ich steh eh schon mit fast nix da.

Irgendwie schaffen wir es, uns zu dritt auf so einem Einzelfeldbett auszubreiten, ohne uns weh zu tun.

Und irgendwie bringen wir einen ganz passablen Dreier zu­sammen.

Ich hätte sie ja eh einzeln auch … aber die wollten zusammenbleiben.

Na ja … mir soll’s recht sein!

 

Eine halbe Stunde später torkle ich reichlich derangiert wieder in den Gemeinschaftsraum – nur um zu erfahren, dass sich noch ein paar Jungs gefunden haben, die auch gerne …

Sie zahlen eh drauf, meint der Heinz.

Nein – er will nicht, seine Frau wohnt gleich um die Ecke, und die killt ihn, wenn er …

Ach, wenigstens ein treuer anständiger Mann, der …

Aber er kommt sicher mal nach Wien, strahlt er.

Und dann …

Gfrast![4] So viel zu Treue und Anstand!

Ich grinse in mich hinein und kümmere mich um die Stoßstangen der Mannschaft.

In Zweiergruppen; einen hab ich sogar allein.

Und dazwischen bekomme ich immer wieder mal ein Glaserl Sekt, damit ich nicht austrockne.

 

Dann ist es zwei Uhr morgens.

Alle sind müde. Manche sind besoffen.

Ich bin beides.

Na super – und wie komme ich jetzt heim??

»Kannst in einem Mannschaftsraum schlafen!«, meint der Heinz.

Kein Problem, die meisten der Jungs bleiben eh auf, Karten spielen.

Weil, morgen ist ja Samstag und da können sie ausschlafen.

 

Als ich meinen Kopf aufs Kissen fallen lasse –  ausnahmsweise ohne Abschminken, (na servus, werde ich morgen ausschauen!!), dreht sich der Raum.

Ich halte das verdammte Bett fest, aber das nützt auch nix!

Nur gut, dass mir nie wirklich schlecht wird.

Jetzt wär zwar ein verdammt guter Zeitpunkt, um damit anzu­fangen, aber so was tut eine Lady nicht! Ich fühle mich wie an Bord eines Hochseedampfers bei Seegang.

Auf und nieder.

Schaukel, schaukel.

Schnarch.

Drei Stunden später das erste und bittere Erwachen.

Durst! Klo! Am besten beides gleichzeitig!

Der Boden hat sich wieder gesenkt und liegt ruhig zu meinen Füßen, als ob er kein Wässerchen trüben könnte.

Ich beschließe, ihm zu vertrauen, rolle mich sittsam in mein Leintuch und tapse barfuß durch den Gang.

Aaah, das Klo! Ist zwar ein Herrenklo, aber sexistisch wollen wir jetzt nicht sein!

Ist ja wurscht! Oder, na ja, eigentlich nur Pipi. Wie auch immer, ich erledige mein Geschäfterl, trinke einen großen Schluck direkt aus der Wasserleitung – auch nicht gerade ladylike! – und will wieder ins Bett.

Will ich. Und tät ich gerne, aber als ich so wieder auf dem Gang stehe, tut sich mir ein Problemchen auf. Welche Tür ist jetzt meine?

Die schauen alle so gleich aus!

Und ich hab sie klugerweise zugemacht, als ich das Zimmer verlassen habe.

Links war sie auf jeden Fall.

Aber – welches Links?

Das von mir aus gesehen oder das von mir aus gesehen, wie ich raus gegangen bin?

Und wo ist überhaupt links?

Warte, weiter hinten war es irgendwo!

Ich versuch’s mal hier …

… abgeschlossen.

Hier …?

… schnarchen zwei Jungs drin.

Also die waren vorher noch nicht da.

Ist vielleicht doch nicht mein Zimmer …

Nächste Tür.

Zugesperrt.

Noch eine.

Nix.

 

Ich werde immer müder.

Scheiß drauf!

Langsam lasse ich mich an der Wand entlang runterrutschen und resümiere mein Leben.

Minus: Ich bin nicht fähig, mein Zimmer wiederzufinden.

Plus: Mein erstes Auto war ein Porsche (ein alter 924-er zwar. aber trotzdem!). Das nützt mir aber im Moment nicht grad viel.

Minus: Ich habe keine Orientierung.

Plus: Sollte ich jemals wieder nach Hause finden, wartet auf mich meine kleine Wohnung mit Balkon und eigenem Blick auf den wunderschönen Garten. (Ja, richtig gelesen, nur der Blick gehört mir, der Garten nicht!)

Minus: Ich muss jetzt am Gang schlafen!

Plus: Ich hab mein Leintuch mit und brauche nicht ganz nackt dazusitzen.

Bei diesem Gedanken fallen mir endgültig die Augen zu.

 

Autsch!

Au!

Verdammt!

Mir tut alles weh – was ist los?

Ich rapple mich mühsam hoch.

Sehe hochglanzgewienertes Linoleum mit ein paar kleinen Spinnweben in den Ecken.

Ein paar ebenso glänzende Schuhe neben mir.

Große.

Schuhe.

Grüne Hosenbeine.

»Ääähmmm … Hat man dir kein Zimmer zugewiesen?«

Ich beherrsche meinen Drang, aufzuspringen, gerade noch.

Wenn ich dann noch salutieren tät, wär das Leintuch endgültig weg.

Muss ja nicht sein!

 

Ja – doch, aber …

Er grinst fett, von einem Ohr bis zum anderen.

Was er denkt, will ich lieber nicht wissen.

Ist mir auch wurscht!

Ich will nur mein Zimmer wieder, das, in dem meine Klamotten liegen und meine Handtasche und …

»So, da wären wir!«

Wie durch Zauberei hat der Lange gleich das richtige Zimmer erwischt.

Kunststück – es ist das einzige mit einer roten Tür, und das einzige an der Hinterwand!

Eh klar, dass ich nimmer wusste, welches Links!

Und ich hab schon an mir gezweifelt!

 

Ich bedanke mich, schlüpfe rein und suche meine sieben Zwetschgen[5] zusammen.

Mache wieder ein halbwegs passables weibliches Wesen aus mir.

Hmmm … Soll ich mich verabschieden?

Aber die schlafen noch alle!

Und die anderen sind schon zu Hause!

Blöd!

Ich sage dem Netten, der mich heim geführt hat, dass er die anderen schön grüßen möge, und mache mich auf die Socken.

Eigentlich auf die Barfüße, denn die High Heels, mit denen ich gekommen bin, machen sich seltsam schlampenhaft aus an diesem hellen Morgen in diesem kleinen Dorf an der Hinterbacke der zivilisierten Welt.

 

Ich kneife die Augen zusammen, während ich zu meinem Auto hüpfe.

Und verlasse Hinterkreuzberg ebenso unauffällig, wie ich es be­treten habe.

 

Wieder zu Hause, zähle ich glücklich die Scheine und stelle fest, dass sich das Problem »Miete« locker erledigt hat.

 

 

[1] Kartoffelsalat. Anmerkung der Autorin.

[2] Angeheitert. Anmerkung der Autorin.

[3] Männlein. Anmerkung der Autorin.

[4] Miststück. Anmerkung der Autorin.

[5] Siebensachen. Anmerkung der Autorin.